Wenn wir versuchen, System-Innovation zu erklären, klingt das irgendwie sperrig: „Es geht um die Entwicklung von Lösungen für Probleme, die innerhalb eines Systems entstanden sind. Das Lösen dieser Probleme bringt häufig komplett neue Geschäftspotenziale und -Modelle hervor. Es ist außerdem von hohem gesellschaftlichen Nutzen.“ Damit kann leider kaum jemand etwas anfangen. Zum Glück sieht es in der Praxis anders aus: Es gibt es eine Reihe von System-Innovationen, die gleichermaßen einfach wie genial erscheinen. In diesem Blog wollen wir über diese Initiativen aus zwei Gründen berichten. Zum einen, um das Thema greifbarer zu machen. Zum anderen, um euch dazu zu inspirieren, bestehende Probleme in euren Systemen unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht lassen sie sich in unternehmerische Potenziale verwandeln.
Aber jetzt zum ersten Fall. Er führt uns nach Schweden:

Was Paketdienst und Müllabfuhr vereint

Wie fast alle Großstädte leidet auch Stockholm unter einem verstopften, zu lauten Stadtzentrum und unter zu hohen Emissionen. Müllabfuhr und Paketdienste tragen nicht unerheblich zu dem Problem bei. Doch während die Müllwagen leer in die Stadt fahren, Abfall sammeln und voll beladen zurück fahren, ist es bei den Kurierdiensten genau umgekehrt. Sie fahren voll beladen in die Stadt, verteilen ihre Pakete und kehren leer wieder zurück. Das sorgt für Lärm, Luftverschmutzung und Staus. Aber lässt sich das nicht auch anders organisieren? Dieser spannenden Frage sind zwei Männer aus zwei unterschiedlichen Branchen nachgegangen: Tobias Åbonde und Erik Wastesson.

Verschiedene Branchen und ein gemeinsames Problem

Åbonde arbeitet für einen Lieferdienst, Wastesson für die Müllabfuhr. Was die beiden verbindet, ist ein gemeinsames Problem und der Drang, es lösen zu wollen. Wenn nötig eben auch außerhalb der Grenzen ihres jeweiligen Unternehmens. Schon 2017 überlegten sie, wie es gelingen könnte, Verkehr, Lärm und Co2 in der Stockholmer Innenstadt zu reduzieren. Aus ihrem gemeinsamen Ziel ist ein völlig neues Geschäftsmodell entstanden. Heute arbeiten eine Recycling-Firma, ein Logistik-Unternehmen, ein Immobilienverwalter und die Stadt Stockholm zusammen. Sie betreiben im Herzen Stockholms ein Verteilerzentrum, von dem aus  Pakete in die Stadt geliefert und leere Verpackungen gleich wieder zurückgenommen werden. Dafür haben sie eigene Elektrofahrzeuge entwickelt.

Die System-Innovation: Bestehendes wird neu gedacht und neu verknüpft

Ob die Müllabfuhr nun auch Pakete bringt oder der Paketbote jetzt auch den Müll mitnimmt, darüber kann man sich sicher streiten. Fest steht, beide Aufgaben sind jetzt in einer Funktion und in einem Transport-Weg vereint. Dabei kommt das Geschäftsmodell ohne Unterstützung der Stadt aus. Es trägt sich selbst.

Das Projekt fällt nicht wegen einer besonders innovativen Technologie auf, sondern vor allem aufgrund der ungewöhnlichen Kooperation der beteiligten Organisationen. Das Zusammenspiel der verschiedenen Unternehmen und der Stadt setzte vor allen Dingen Mut und Ausdauer voraus. Bestehende Strukturen, Prozesse und Technologien, wie z. B. Logistik, Recycling und Elektromobilität mussten neu gedacht und miteinander vernetzt werden. Es beschreibt genau das, was wir unter System-Innovation verstehen. Möglich war das, weil alle Beteiligten den gleichen starken Wunsch hatten: Verkehr, Lärm und Emissionen in der Innenstadt von Stockholm zu reduzieren.

Kann das Projekt erfolgreiche Nachahmer finden?

Die Initiative hat für hohes mediales Interesse gesorgt. Auch hier in Deutschland berichteten unter anderem das ZDF, der Spiegel und die ARD über das Projekt der Schweden. Und natürlich drängt sich die Frage auf, ob das Konzept Nachahmer finden und auf andere Städte und Länder übertragen werden kann. So schön das auch wäre: Ein schlichtes Copy & Paste wird in einer anderen Stadt nicht zum Erfolg führen. Denn hinter jeder Lösung eines komplexen Problems stehen auch komplexe, dynamische und einzigartige Systeme. Sie folgen ihren eigenen Logiken und Mustern. Und sie lassen sich nicht miteinander vergleichen. Selbst wenn sie nach den exakt gleichen Organisations-Strukturen und Rahmenbedingungen arbeiten, ist das „System Müllabfuhr in Stockholm“ nicht mit dem der Nachbarstadt vergleichbar. Das Erfolgsbeispiel Stockholm kann in jedem Fall als Inspirationsquelle für Nachahmer dienen, nicht aber als Blaupause.