Die meisten Menschen verstehen unter Innovationen die Verbesserung bestehender oder die Entwicklung neuer Produkte. Also etwas Neues und Nützliches, mit dem wir wirtschaftlich erfolgreich sind: der größere Fernseher, selbstfahrende Autos oder immer effizientere Produktionsprozesse. Diese Produkte und Angebote haben uns zu unglaublichem Wohlstand verholfen. Gleichzeitig haben wir soviele „Einzelteile“ produziert, dass wir den Blick auf ganze Systeme und deren Probleme verloren haben. Genau diesen Blick brauchen wir aber, um die vielfältigen aktuellen Herausforderungen anzugehen, vor denen wir als Gesellschaft heute stehen. Angefangen vom Klimawandel, über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie bis zur Überlastung unserer Mobilitätssysteme. Viele Probleme werden von den Systemen selbst hervorgebracht und lassen sich durch Produkt-Innovationen alleine nicht lösen. Sie brauchen System-Innovationen

System-Innovation will Probleme lösen, die das System selbst hervorbringt

Ein Beispiel: In einer Kleinstadt gibt es eine Reihe ortsansässiger Modehändler, die miteinander konkurrieren. Zusätzlich zum lokalen Wettbewerb ist in den letzten Jahren Konkurrenzdruck durch den Online-Handel entstanden. Durch die Corona-Pandemie wurde er noch deutlich verschärft. Vor Ausbruch der Pandemie konnten sich die lokalen Händler noch durch ihr persönliches Beratungsangebot von den Internet-Händlern differenzieren. Mit den Filialschließungen während der Pandemie ist auch dieser Vorteil weggefallen. Natürlich könnten die lokalen Händler auf bestehende Onlineshop-Lösungen zurückgreifen und eine eigenen Shop erstellen. Doch das wäre vermutlich weder aus Kundensicht attraktiv noch aus Sicht der Händler effizient umsetzbar. Eine gemeinsame Plattform könnte helfen. Doch dabei steht vielen Händlern u. a. das etablierte Verständnis von Wettbewerb und Konkurrenz im Weg. 

System-Innovationen leben von Kooperationen

Probleme, die von einem System hervorgebracht werden, nennen wir systemimmanent. Um sie zu lösen, sollten möglichst viele Beteiligte zusammenwirken, die auf unterschiedliche Art von den Problemen betroffen sind. Nehmen wir das Beispiel Internet: Kommunen in strukturschwachen Gebieten investieren aus Kostengründen häufig nicht in leistungsstarkes Internet. Dadurch werden ohnehin wirtschaftsschwache Regionen für neue Unternehmen noch unattraktiver. Sie entscheiden sich für andere Standorte. Sowohl die Entscheidung der Kommune als auch die Entscheidung der Unternehmen ist logisch nachvollziehbar. In Summe führt sie aber zu einem fatalen Ergebnis: einer Negativspirale, die die Strukturschwäche noch verstärkt. Keiner der betroffenen Akteure kann das Problem alleine lösen. System-Innovationen versuchen, das Problem mit möglichst vielen Beteiligten im System in einem gemeinsamen Prozess zu lösen. Dabei richtet sich der Blick auch ganzheitlich auf die Kosten: 

System-Innovationen beleuchtet die wahren Kosten der Wertschöpfung

System-Innovationen berücksichtigen neben den Produktionskosten auch die ökologischen und sozialen Kosten der Wertschöpfung, also die Auswirkungen auf ökologische und soziale Systeme. Darunter fallen beispielsweise Kosten für die Nutzung von Luft, Wasser, Boden und Menschen. Häufig können am Markt nur deswegen sehr günstige Preise für ein Produkt oder eine Dienstleistung erzielt werden, weil wir diese Kosten „externalisieren“, d. h. sie nicht verursachergerecht auslagern. So zahlen die Verbraucher beispielsweise für die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft mit dem Klimawandel und seinen Auswirkungen; oder sie bezahlen mit der Wasserrechnung für die Aufbereitung von Trinkwasser, welches aufgrund von Düngemitteln belastet ist.
Die wahren Kosten für Lebensmittel untersucht u. a. die Universität Augsburg im Auftrag der PENNY Markt GmbH. Die Untersuchungen offenbaren eine teils enorme Differenz zwischen den aktuellen Erzeugerpreisen und den wahren Kosten. Demnach müssten konventionell produzierte Fleisch- und Wurstwaren dreimal so teuer sein, wie sie derzeit sind.

Unternehmen, die einen neuen Blick auf die zu lösenden Probleme, die beteiligten Partner und die wahren Kosten einer Innovation wagen, kommen aus unserer Erfahrung schnell an einen Punkt, an dem ihnen bestehende Organisationsstrukturen und Prozesse im Weg stehen. Daher kommt System-Innovation nicht ohne Organisationsentwicklung aus.

System-Innovation braucht Organisationsentwicklung

Damit System-Innovation im Unternehmenskontext gelingen kann, müssen bestehende Organisationsstrukturen und -Prozesse weiterentwickelt werden.  Unternehmen, die bisher darauf ausgerichtet sind sich um Entwicklung eigener Produkte zu kümmern und die andere Marktteilnehmer ausschließlich als Gefahr für das Unternehmen wahrnehmen, haben verständlicherweise genau die Strukturen geschaffen, die sie hierfür brauchten und erfolgreich werden ließen.

Diese Strukturen können bei der Gestaltung von System-Innovationen hinderlich sein. Im Beispiel der lokalen Mode-Anbieter braucht es zukünftig nicht nur einen neuen Rahmen für die Gestaltung der Kooperation mit den anderen Händlern, sondern auch innerhalb des eigenen Unternehmens. Bei den kleinen Einzelhändlern aus dem Beispiel kann das noch recht einfach passieren. Bei größeren Unternehmen ist das verändern von Strukturen alleine schon aufgrund der Anzahl der Beteiligten komplexer. Lässt man die Veränderung unternehmensinterner Strukturen außer Acht, besteht die Gefahr, dass die System-Innovation nicht anschlussfähig ist zur bestehenden Organisation.

Auch System-Innovationen dienen dem wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Nach unserer Einschätzung geht der wirtschaftliche Erfolg mit der Lösung echter Probleme einher, die unsere heutigen Systeme hervorbringen. Die Lösungen bringen Mehrwerte für viele Beteiligte. Darin sehen wir eine große Chance für bestehende Unternehmen, wenn sie den Mut haben, Wirtschaft neu zu denken und ihre Glaubenssätze in Frage zu stellen.