In unserem täglichen Leben sind wir permanent mit Systemen in Kontakt. Wir haben unsere Familien, die Firma, in der wir arbeiten, Sportvereine, Freundeskreise usw. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten System nimmt großen Einfluss darauf, wie wir uns verhalten und kommunizieren. Und unser Verhalten und unsere Kommunikation sind entscheidende Treiber für Veränderungen. Daher glauben wir, dass es für transformative Veränderungen System-Innovationen braucht. Aber was sind eigentlich Systeme? Welche Definitionen gibt es, und was verstehen wir darunter, wenn wir von Systemen sprechen?

Technische Systeme

Grundlegend kann man erstmal zwischen zwei Arten unterscheiden. Da sind zunächst einmal technische Systeme, also Systeme die aus verschiedensten Komponenten zusammengebaut sind und prinzipiell der Teil/Ganzes-Logik folgen. Das System manifestiert sich also, aus der Summe der einzelnen Bestandteile. Ein Kühlschrank ist ein technisches System, aber auch ein Flugzeug oder ein Laptop. Die meisten technischen Systeme kann man mit genügend Wissen dekonstruieren und zu jeder Zeit genau vorhersagen, wie sie reagieren. Kennt man alle Parameter, verhalten sie sich komplett deterministisch. Man spricht auch von komplizierten Systemen (man braucht nur genug Wissen um das System zu beherrschen).

Soziale Systeme

Daneben gibt es die sozialen Systeme: soziale Gebilde, die immer entstehen, wenn Menschen miteinander interagieren. Die Bandbreite reicht von sehr kurzlebigen Interaktionssystemen wie zwei Menschen, die gleichzeitig durch eine Tür gehen wollen und sich darauf einigen, wer zuerst geht oder Warteschlangen im Supermarkt über langlebige Familien- oder Organisationssystemen bis hin zu gesellschaftlichen Subsystemen wie bspw. der Wirtschaft, unserem Rechtssystem, der Kirche und letztlich unserer gesamten Gesellschaft. Und soziale Systeme interessieren uns besonders, wenn wir von System-Innovation sprechen.
Niklas Luhmann hat zur Beschreibung sozialer Systeme die nach ihm benannte „Luhmannsche Theorie sozialer Systeme“ entwickelt. Lt. dieser Theorie manifestiert sich ein System dadurch, dass es einen Unterschied zwischen System und Umwelt gibt. Ein System entsteht dadurch, dass es sowohl ein „Innen“, als auch ein „Außen“ gibt. Man kann also etwas entweder dem System oder seiner Umwelt zuordnen.

Was gehört zu einem System? Was sind die kleinsten Bestandteile?

Intuitiv würde man sagen, dass eine Organisation oder ein anderes soziales System aus den Menschen besteht, die daran teilnehmen. Es sind ja die Menschen, die man direkt sehen und beobachten kann. Der größte Wechsel in der Denkweise Luhmanns bestand darin, sozialen Systemen als kleinste Einheit nicht die Menschen sondern Kommunikationsoperationen zu Grunde zu legen.
Eine Kommunikationsoperation entsteht durch die Selektion der mitzuteilenden Information, des Sendens der Information und des Empfanges sowie des Verstehens (der Empfänger ordnet der Kommunikation einen Sinn für das jeweilige soziale System zu).
Diese Kommunikationsoperationen folgen systeminternen eigenen Spielregeln und bestimmten Mustern. Die beteiligten Menschen sind nicht direkt Bestandteil der Systeme. Durch ihre Bewusstseinssysteme beobachten und irritieren sie die Kommunikation der sozialen Systeme (umgekehrt übrigens auch). System und Mitarbeiter sind Umwelten füreinander.

Viel Theorie. Nehmen wir ein Brettspiel als Praxisbeispiel

Wenn ich ein beliebiges Brettspiel spielen möchte, finde ich in der Verpackung alles, was nötig ist um das Spiel zu spielen: Spielregeln, Spielfiguren, Brett, Würfel, etc. Damit das Spiel aber gespielt wird, braucht es auch die Mitspieler. Diese Mitspieler sind nicht Bestandteil des Spiels. Sie sind aber unabdingbar, damit es gespielt werden kann. Das Spiel kann von komplett unterschiedlichen Spielern gespielt werden. Trotzdem kann man aber in jedem Setting sehr ähnliche Verhalts- und Kommunikationsmuster beobachten. Die Spielregeln sind ja immer die gleichen. Gleichzeitig kann man beobachten, dass wenn die gleichen Spieler zuerst Mensch-Ärgere-Dich-Nicht und danach Monopoly spielen, sich die Art und Weise ihrer Kommunikation komplett ändert.
Während eines Spiels bilden die Spieler ein neues soziales System, welches sich den jeweiligen Spielregeln unterwirft und entsprechende Kommunikationsmuster erzeugt. Um es auf die Spitze zu treiben, kann ein Spieler gleichzeitig an zwei Spielen parallel teilnehmen und in beiden Spielen komplett unterschiedlich agieren.

Möchte man Verhalten verändern, muss man die Kommunikation ändern

Man sieht also, dass die Verhaltensweisen, die man innerhalb der Systeme beobachtet, durch die vorherrschenden Regeln, Strukturen und Kommunikationsmuster „erzeugt“ werden. Um eine Veränderung in einem System zu etablieren ist es daher nicht hilfreich zu versuchen, Veränderungen an den Menschen herbeizuführen. Sie sind ja nicht Bestandteil des Systems, sondern nur die durch sie stattfindende Kommunikation. Es ist vielmehr so, dass die Kommunikationsmuster des Systems verändert werden müssen.

Bedeutung der Regeln

Bleiben wir beim „Mensch ärgere dich nicht“. Wenn wir nicht möchten, dass unser Spielpartner uns bei nächster Gelegenheit rauswirft, dann sollten wir die Spielregeln des Spiels ändern. Nicht den Spielpartner. Was wäre, wenn das Rauswerfen plötzlich sanktioniert wird?
Vermutlich wird es nach der Regeländerung noch eine Weile dauern, bis sie in „Fleisch und Blut“ übergegangen ist. Schließlich spielen wir schon jahrelang „Mensch ärgere dich nicht“ mit rauswerfen. Je öfter wir das Spiel nach den neuen Regeln spielen, desto weniger fallen wir in alte Verhaltensmuster zurück.
In allen sozialen Systemen, gibt es entsprechende Regeln, geschriebene und ungeschriebene, Strukturen wie Organigramme und angewöhnte Verhaltensweisen, die durch die gesetzten Rahmenbedingungen und durch die Sozialisation in unserer Gesellschaft geschaffen wurden.
Wenn wir durch System-Innovationen diese System verändern möchten, müssen wir unser Hauptaugenmerk darauf legen, wie wir es schaffen, die Kommunikation- und Verhaltensmuster so zu verändern, dass wir eine nachhaltige Veränderung herbeiführen können. Es reicht dabei nicht aus, nur auf einzelne Produkte zu schauen, sondern auch auf das System in seiner Gänze.