Unternehmen, die sich heute zukunftsfähig aufstellen möchten, müssen über den Tellerrand Ihrer eigenen Organisation blicken und Innovation neu definieren. Das reine optimieren und verbessern bestehender Produkte reicht nicht mehr aus um damit den drängenden ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Dazu braucht es mutige Unternehmer und Akteure, die bereit sind, gemeinsam die Transformation ganzer Systeme voranzutreiben. Denn viele bestehenden Systeme, mit denen wir täglich zu tun haben, weisen erhebliche Dysfunktionalitäten auf: von den Energie-Systemen über das Klima, die Mobilität in städtischen und ländlichen Regionen bis hin zum Wirtschafts-, Finanz- und Bildungssystem.

 

Beispiel E-Mobilität

 

Das Elektro-Auto ist eine Weiterentwicklung eines bestehenden Produkts – dem Auto mit Verbrennungsmotor. Für sich alleine betrachtet ist das Ersetzen eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor durch ein E-Auto hilfreich, da es die CO2-Belastung senkt. Für die verstopften Innenstädte und Autobahnen, dem Mangel an ausreichender erneuerbarer Energie für große E-Flotten und den immer größer werdenden Anteil von Fahrzeugen auf dem Planeten liefert es aber keine Antworten. In Summe reicht die alleinige Produktinnovation E-Auto nicht aus, um die drängenden Probleme, wie zum Beispiel den Klimawandel anzugehen. Dafür brauchen wir Initiativen mit unterschiedlichen Akteuren, die Mobilitäts-Systeme komplett neu denken und dabei auch bestehende Glaubenssätze und Muster hinterfragen. Wir brauchen System-Innovationen.

 

Was macht eine System-Innovation aus?

 

1. System-Innovation findet in einem komplexen System statt.

 

Das heißt es gibt sehr viele Abhängigkeiten und Verbindungen zwischen den einzelnen Elemente des Systems. Ursache und Wirkung von Aktivtäten kann nicht geplant oder bestimmt werden. Man kann die Wirkung einer Intervention nur im Nachhinein beobachten.

 

2. System-Innovation versucht, verzwickte Probleme zu lösen.

 

Verzwickte Probleme sind „Dysfunktionen“ in einem komplexen System. Viele aktuellen Probleme, die uns im wirtschaftlichen, sozialen oder ökologischen Umfeld begegnen, sind verzwickt: angefangen vom Klimawandel, über die Instabilität des Finanzsystems, der ungleichen globalen Verteilung von Besitz bis hin zum Terrorismus. Aber auch die schwache Wirtschaftskraft einer ländlichen Region kann ein verzwicktes Problem sein. Die „Wicked Problems“ sind sehr komplex, unstrukturiert und miteinander verwoben. Es gibt kein Patentrezept zur Lösung und möglicherweise verschiedene Lösungsansätze. Man muss sie außerdem von verschiedenen Ebenen betrachten (wie z.B. aus wirtschaftlicher, politischer, rechtlicher und sozialer Sicht).

 

3. System-Innovation basiert auf einer systemischen Denkweise

 

Bei der Lösung eines Problems denken wir ganzheitlich und erkennen Zusammenhänge, Wechselwirkungen sowie zugrundeliegende Glaubenssätze und Muster eines Systems. So lassen sich beispielsweise Gesellschaft, Ökologie und Ökonomie zukünftig nicht mehr voneinander trennen. Wir machen uns bewusst, was unser Handeln über die Unternehmensgrenzen hinaus bedeutet. Gleichzeitig fragen wir uns, welches System ein Systeminitiator verändern will. Das kein ein funktionales System sein wie z.B. ein Gesundheits- oder Energiesystem, ein regionales System wie z.B. ein bestimmter Landkreis, eine Stadt oder auch eine Organisation, die über Kreislaufwirtschaft nachdenkt.

 

4. System-Innovation konzentriert sich nicht auf die Innovation einzelner Bestandteile, sondern auf das große Ganze.

 

Innovationen sind üblicherweise darauf ausgerichtet neue Produkte zu entwicklen und diese auf den Markt zu bringen, damit mehr Kunden sie kaufen und wir dadurch mehr Umsätze erzielen. System-Innovation hingegen interessiert sich nicht für die „Innovationen von einzelnen Teilen“ alleine, sondern dafür, wie die verschiedenen Verbindungen, Produkte und Elemente in einem System neu gedacht und neu zusammengestellt werden können um verzwickte Probleme zu lösen. Ein schönes Beispiel zur Entlastung der Städte zeigt die Initiative aus Skandinavien: „Wenn die Müllabfuhr und der Paketbote zusammen arbeiten

 

5. System-Innovation ist nicht linear.

 

Ein lineares, stufenweises Lösungsmodell für Probleme basiert auf den vereinfachenden Annahmen, dass das System, um das es geht mit Expertenwissen vorhersehbar und kontrollierbar ist. Deswegen lassen sich gewünschte Ergebnisse der Veränderung genau beschreiben – wie zum Beispiel „Umsatz steigern um 20 Prozent“. Auf Basis dessen können wir Maßnahmen und Meilensteine definieren um das Ziel zu erreichen. Bei der System-Innovation geht es darum neue Strukturen, Funktionen, Netzwerke, Verbindungen oder Partnerschaften im System zu bilden – also das ganze System neu zu denken und zu transformieren.

 

6. System-Innovation ist ein co-kreativer Prozess.

 

Damit ein ganzes System neu gedacht werden kann, müssen die unterschiedlichsten Akteure in einem System aktiv am Transformationsprozess beteiligt werden. Neben Wirtschaftsunternehmen können auch Städte, Gemeinden, soziale Einrichtungen, Einzelakteure oder z. B. Privatpersonen, die besonders von dem Problem betroffen sind, eingebunden werden. Dabei ist es wichtig, möglichst alle Perspektiven zu verstehen, die Muster im System zu erkennen und auf Augenhöhe zusammen zu arbeiten. Hieraus ergeben sich oft völlig neue Netzwerke und Kooperationen – und neue Ertragsmöglichkeiten.

 

Beim Thema System-Innovation stehen wir noch ganz am Anfang. Dennoch machen sich bereits erste Unternehmen auf den Weg, ihre aktuellen Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten völlig neu zu denken. Wir wollen mit unserem Blog Unternehmen ermutigen, sich auf die Reise zu einem „neuen Wirtschaften“ zu machen und erfolgreiche Transformationsprozesse vorstellen. Denn die großen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit können wir nur gemeinsam lösen.